Pilotprojekt: Sprachliche Prüfung
Sprachliche Prüfung von Sachverständigengutachten mit KI
Sachverständige haben die Aufgabe, fachliche Fragen zu beantworten. Sie erheben Befunde. Sie beurteilen technische oder fachliche Zusammenhänge. Sie stellen Soll-Ist-Abweichungen fest. Sie erläutern Ursachen und Auswirkungen.
Die rechtliche Beurteilung ist hingegen grundsätzlich Aufgabe des Gerichts oder der zuständigen Behörde. Gerade beim Verfassen umfangreicher Gutachten kann es jedoch leicht passieren, dass einzelne Formulierungen unbeabsichtigt in den Bereich einer rechtlichen Wertung führen.
Typische Beispiele sind Begriffe wie: „fahrlässig“, „vorsätzlich“, „schuldhaft“, „rechtswidrig“, „haftet“, „unglaubwürdig“ oder „Mitverschulden“.
Aus diesem Gedanken heraus ist dieses Pilotprojekt entstanden.
Die Warnwortliste
Die „Warnwortliste für Sachverständigengutachten“ enthält 150 Begriffe und Formulierungen, bei denen Sachverständige besonders aufmerksam sein sollten.
Die Liste ist ausdrücklich keine Liste verbotener Wörter. Viele dieser Begriffe können abhängig vom Zusammenhang durchaus zulässig oder sogar notwendig sein.
Das gilt beispielsweise dann, wenn ein Begriff:
- Teil einer gerichtlichen Beweisfrage ist,
- aus einem Beschluss übernommen wird,
- in einem Gesetz oder einer Norm vorkommt,
- Bestandteil eines Vertrags ist oder
- lediglich eine Behauptung einer Partei wiedergibt.
Entscheidend ist daher nicht das einzelne Wort. Entscheidend ist, ob der Sachverständige damit selbst eine rechtliche Wertung vornimmt. Die Warnwortliste soll dafür sensibilisieren.
Zu jedem Begriff wird deshalb auch eine mögliche sachverständigengerechte Formulierung oder Vorgehensweise vorgeschlagen.
Der Master-Prompt
Ergänzend zur Warnwortliste wurde ein umfangreicher „Master-Prompt“ entwickelt. Dieser kann zur KI-gestützten Endkontrolle eines Gutachtens verwendet werden. Dabei soll die künstliche Intelligenz nicht nur nach den 150 Warnbegriffen suchen. Die Prüfung erfolgt auf mehreren Ebenen.
Die KI soll unter anderem:
- die 150 Warnbegriffe und deren sprachliche Varianten erkennen,
- den jeweiligen Zusammenhang untersuchen,
- zwischen eigener Aussage und Zitat bzw. Parteivorbringen unterscheiden,
- versteckte rechtliche Wertungen erkennen,
- mögliche Aussagen über Verschulden oder Vorsatz kennzeichnen,
- mögliche Haftungsaussagen erkennen,
- Aussagen über die Glaubwürdigkeit von Personen kennzeichnen,
- technische und rechtliche Kausalität unterscheiden,
- problematische Fundstellen erläutern und
- unmittelbar eine sachverständigengerechte Alternativformulierung vorschlagen.
Die reine Wortsuche wird damit um eine inhaltliche Prüfung ergänzt. Das ist besonders wichtig.
Eine rechtliche Wertung kann nämlich auch vollständig ohne eines der 150 Warnwörter formuliert werden.
Beispielsweise:
„Der Betreiber hätte diesen Zustand erkennen und verhindern müssen.“
Auch eine solche Aussage soll durch den Master-Prompt erkannt und zur Überprüfung vorgeschlagen werden.
Die KI ersetzt nicht den Sachverständigen!
Der Master-Prompt ist ausschließlich als zusätzliche Arbeitshilfe gedacht. Er ersetzt weder die fachliche Prüfung noch die persönliche Verantwortung des Sachverständigen.
KI-Systeme können Fehler machen.
Sie können Zusammenhänge falsch verstehen.
Sie können zulässige Formulierungen beanstanden.
Sie können tatsächlich problematische Formulierungen übersehen.
Auch Verbesserungsvorschläge einer KI können selbst wieder unzutreffend oder rechtlich problematisch sein.
Das Ergebnis einer KI-Prüfung darf daher niemals ungeprüft in ein Gutachten übernommen werden.
Die abschließende Entscheidung über den Inhalt und die Formulierung des Gutachtens muss beim Sachverständigen bleiben.
Pilotprojekt und Testbetrieb
Die Warnwortliste und der Master-Prompt befinden sich ausdrücklich in einem Pilot- und Erprobungsstadium. Ziel ist es, Erfahrungen mit dieser zusätzlichen Form der Qualitätskontrolle zu sammeln. Die Unterlagen werden testweise zur Verfügung gestellt. Es wird ausdrücklich nicht behauptet, dass damit sämtliche rechtlich problematischen Formulierungen erkannt werden können.
Ebenso wenig bedeutet eine fehlende Warnung durch die KI, dass eine Formulierung rechtlich oder fachlich jedenfalls unbedenklich ist. Jede Anwenderin und jeder Anwender muss die Ergebnisse selbst kritisch prüfen und eigenverantwortlich entscheiden, ob und in welcher Form vorgeschlagene Änderungen übernommen werden. Hinweise auf Fehler, fehlende Begriffe oder Verbesserungsvorschläge sind im Rahmen dieses Pilotprojekts ausdrücklich willkommen.
Datenschutz und Vertraulichkeit
Bei der Verwendung künstlicher Intelligenz ist dem Datenschutz und der Vertraulichkeit besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Gutachten können personenbezogene Daten, sensible Informationen, Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse sowie vertrauliche Verfahrensinformationen enthalten. Der Master-Prompt sollte daher ausschließlich mit einem KI-System und in einer Konfiguration verwendet werden, deren Einsatz für die betreffenden Daten datenschutzrechtlich geprüft wurde. Insbesondere ist vor der Übermittlung von personenbezogenen oder vertraulichen Daten zu prüfen, wie der jeweilige KI-Anbieter Daten verarbeitet, speichert und gegebenenfalls für weitere Zwecke verwendet. Soweit möglich, sollten Unterlagen vor einer externen Verarbeitung anonymisiert oder pseudonymisiert werden. Die Verantwortung für die Auswahl des KI-Systems und die datenschutzkonforme Verarbeitung der eingegebenen Daten verbleibt bei der jeweiligen Anwenderin bzw. beim jeweiligen Anwender.
Wichtiger Hinweis und Haftungsausschluss
Die Warnwortliste und der Master-Prompt sind allgemeine Arbeits- und Orientierungshilfen. Sie stellen insbesondere keine Rechtsberatung dar. Sie ersetzen keine individuelle rechtliche Beurteilung. Es wird keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit, Aktualität oder Eignung der Warnwortliste, des Master-Prompts oder der damit erzielten KI-Ergebnisse für einen bestimmten Zweck übernommen. Insbesondere wird keine Gewähr dafür übernommen, dass sämtliche problematischen Formulierungen erkannt werden oder dass sämtliche von einer KI vorgeschlagenen Änderungen fachlich oder rechtlich zutreffend sind. Die Verwendung der Warnwortliste, des Master-Prompts und der daraus gewonnenen Ergebnisse erfolgt ausschließlich in eigener Verantwortung.
Vor der Übernahme eines Vorschlags in ein Gutachten ist dieser durch die Sachverständige bzw. den Sachverständigen selbst fachlich und sprachlich zu prüfen. Auch die datenschutzrechtliche Zulässigkeit der Verwendung eines konkreten KI-Systems ist von der jeweiligen Anwenderin bzw. vom jeweiligen Anwender eigenverantwortlich zu prüfen. Eine Haftung für unmittelbare oder mittelbare Nachteile, Schäden oder sonstige Folgen aus der Verwendung dieser Unterlagen oder der damit erzeugten Ergebnisse wird, soweit gesetzlich zulässig, ausgeschlossen.
Die KI soll den Sachverständigen beim Denken und Kontrollieren unterstützen. Sie soll ihm die Verantwortung für sein Gutachten nicht abnehmen.